Wahlstation
Was mache ich hier überhaupt?
(nicht nur für Juristen)

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Vorwort:

Jeder Rechtsreferendar darf am Ende des Referendariats seine Ausbildungsstelle frei wählen – weltweit. Es muss nur ein „Jurist“ im Dunstkreis der Wahlstation rumliegen, um dem ganzen einen etwas fachlichen Anstrich zu geben. Soweit die Theorie, aus der praktisch oft ein staatlich geförderter Dauerurlaub im Land der Träume wird. So verbringen einige Kollegen ein paar Monate surfend an den Küsten Südamerikas oder Australiens. (Schöne Grüße an dieser Stelle!) Bei mir gestaltet sich das allerdings etwas, aber auch nur etwas, anders:

1. Ich muss täglich arbeiten. Das ist ungewöhnlich, zumal die Zeit der Wahlstation auch zur Vorbereitung auf die mündliche Prüfung genutzt werden soll. Allerdings beträgt die Arbeitszeit nur rund drei Stunden pro Tag, ist also aushaltbar. Hinzu kommen je eine Stunde Hin- und Rückfahrt. Somit bin ich täglich von ca. 9 bis 14 Uhr unterwegs.

2. Ich surfe nicht, jedenfalls nicht im Meer. Dies liegt zum einen daran, dass ich es nicht kann und zum anderen, dass hier tiefster Winter ist, was sich mit Temperaturen um die 10 bis 15 Grad bemerkbar macht. Für Winter mag das aushaltbar sein, zum Baden oder Surfen ist es aber doch etwas zu frisch.

Arbeitsplatz:

Meine Wahlstation leiste ich in der Corporación de Asistencia Judicial de la Región de Valparaíso (CAJ). Langer Name, aber eine einfache und schöne Sache. Die Corperación (in meinem Fall die der Region Valparaíso) ist praktisch eine Hilfsorganisation des chilenischen Justizministeriums. Sie bietet mittellosen Chilenen juristische Unterstützung in nahezu allen Belangen: Wir klagen unseren Mandanten Unterhalt ein, retten sie vor dem Knast oder helfen ihnen bei Zoff mit dem Arbeitgeber. Und das Beste: Es kostet die Leute keinen Peso, alles kostenlos.

Neben dem Juristischen gibt es in der Corperación auch eine Asistente Social für nicht- oder vorjuristische Probleme. Natürlich ebenfalls gratis. Da in Chile die Kinder mit ihren Eltern oft zusammen wohnen, ist diese Dame eine gefragte Person. Insgesamt sind wir acht Leute: zwei Anwälte sowie zwei sehr attraktive Postulantinnen, eine Asistente Social , eine Receptora (eine Art lizenzierte Verwaltungsfachangestellte), eine Sekretärin und meine europäische Wenigkeit. Keine Frage, dass die Chilenen durchweg superfreundlich und – mit Ausnahme der Sprache (sie können einfach nicht langsam sprechen) – hilfsbereit sind. Die Arbeitsmoral ist für ein lateinamerikanisches Land durchaus typisch und somit recht gemächlich (ca. drei Beratungen/Mandanten/Fälle pro Tag). Hetzerei und Terminstress hab ich noch nicht erlebt.

Arbeitsort:

Mein Weg führt mich täglich entlang der Pazifikküste nach Norden in das verschlafene, auf einer kleinen Halbinsel gelegene Fischerstädtchen Quintero, knapp 50 km nördlich von Viña del Mar. Allein die Fahrt entlang der riesigen Dünen zwischen dem stets wallenden Meer und den schneebedeckten Kordilleren ist fantastisch. Freitags steht uns ein Mobil, eine Art Kleinbus mit eingebautem Büro bereit, um mobile Beratungen in der gesamten Region, vor allem aber in Puchuncaví anbieten zu können – für mich Sightseeing auf Staatskosten.

Unser Büro befindet sich direkt neben dem örtlichen Gericht, was für unsere Arbeit enorm von Vorteil ist. Da in Chile die Klagen vom Mandanten im Normalfall unter Vorlage seines Ausweises persönlich eingereicht werden müssen und auch sonst nahezu kein Schriftverkehr stattfindet, sind wir mehrmals täglich auf dem Sprung nach nebenan.

Juristisches:

Im Gegensatz zum deutschen System wird in Chile keine Prozesskostenhilfe gezahlt, sondern eben durch uns ein kostenloser Anwalt angeboten. Da die Justiz hier generell nichts kostet, kann mal auch mal verlieren. Es ist erstaunlich oder besser erschreckend wie gering das Vorwissen unserer Mandanten ist („Ach, es ist mein Recht etwas von meinem getrennt lebenden Mann zu verlangen?“).

Das chilenische Recht ist in jeder Hinsicht ungewöhnlich. Neben Relikten aus der Kolonialzeit gibt es modernste Gesetze, die Deutschland blass aussehen lassen. So wird heute noch ein Strafrechtssystem angewandt, das keinen Staatsanwalt kennt, sondern nur einen Richter, der untersucht, anklagt und verurteilt – alles in einer Person. Dabei ist das Untersuchungsverfahren geheim und bietet keine Verteidigungs- oder Eingriffsmöglichkeit. Tiefstes Mittelalter. Andererseits werden den Indios besondere Rechte unter Berücksichtigung und zum Schutz ihrer Kultur zugesprochen. Das Land der Indios kann man als Nicht-Indio nicht kaufen und die Rapanui der Osterinsel haben für Eigentums- und Sexualdelikte besondere, geringere Strafen, da ihre Kultur in dieser Hinsicht andere Werte hat. Sehr rücksichtsvoll für ehemalige Kolonialisten. Beeindruckend ist auch das chilenische Recht auf kostenlose Justiz.

Sehr erstaunt war ich über die bereits genannte persönliche Klageeinreichung. Man stelle sich das in Deutschland vor: „Guten Tag, ich möchte eine Klage erheben.“ – „Ja, dann bekomme ich einen Mandanten, dessen Ausweis und die Klageschrift bitte. Danke. Auf Wiedersehen. Der Nächste bitte.“ Putzig finde ich auch die hiesige Version der Ersitzung: Bau dir auf einem fremden Stück Land eine Hütte und wohne fünf Jahre darin – dann ist das Land deine. Schließlich laufen Anhörungen hier etwas familiärer ab: Ein Richter ist nicht nötig. Während sich die Anwälte über die Familie sowie das letzte Wochenende unterhalten und dabei gelegentlich über die Formulierung des Protokolls feilschen wird dieses dabei von einer Art gehobenen Justizfachangestellten, der "das Gericht" vertritt, live geschrieben, ausgedruckt und ausgehändigt. Dieser "Gerichtsvertreter" diskutiert natürlich kräftig mit - sei es in Sachen Protokoll oder letztes Fußballspiel.


Fazit:

Alles in allem eine interessante Erfahrung in jeder Hinsicht. Gelernt habe ich neben viel juristischem Kram jetzt schon eines:

Wir Deutschen haben eine völlig beknackte Arbeitseinstellung.

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