Die Anreise

Montag, 5. Juli 2004

Kofferpacken, Hektik, Tränen – kurz: Abreise. Ankunft in Tegel gegen 16:30 Uhr. Abschied. Etwas gemischte Stimmung beim „Warte-Kaffee“. Hunger, aber im Flieger gibt's ja gleich was.

18:00 Uhr: Checkin. „Frau IBERIA“ stellt mit einem mitleidigen Blick fest, dass unser Handgepäck zu schwer ist (16 kg), also umpacken. Wieso fliegen wir eigentlich wieder mit IBERIA obwohl wir es NIEWIEDER tun wollten? Jetzt haben wir zweimal 11,5 und einmal 8,5 kg. Erlaubt sind zweimal 10 kg – die IBERIA-Tante lässt es durchgehen. Die 8 kg Übergepäck der Koffer sind offenbar unerheblich. Zollkontrolle: Meine TicTacs scheinen hochgefährlich zu sein und lösen Alarm aus. Was machen die da eigentlich rein? Bording verläuft IBERIA-untypisch – also problemlos.

19:20 Uhr: Start. Betti hat die ihre normalen Abhebe-Krämpfe. Ich genieße die Aussicht. Die üblichen Ansagen kommen in Spanisch und Englisch. Kein deutscher Service. Genauer: gar kein Service. Kein Essen! Auch nix zu trinken, nicht mal ein Wasser. Nada. IBERIA spart also auch. Der Hunger wird langsam unangenehm. Frau! Pilotin erzählt uns in feinstem spenglisch uninteressante Geschichten (Madridwetter u.s.w.).

21:30 Uhr: Die Erste Klasse bekommt den Nachtisch. Riecht echt lecker. Die Sonne geht wie unser Hungergefühl langsam unter. Nur viel schöner. Betti knipst die DigiCam voll.

22:00 Uhr: Die Landungsvorbereitungen retten die glühende DigiCam. Im Landeanflug geht von den Flügeln kommend ein Krachen durch den Flieger. Kurze Blickwechsel zwischen den Passagieren. Ich bekomme meine üblichen Landekrämpfe, aber IBERIA hat Glück und kann den Vogel noch mal nehmen: Zärtliche Landung, Frau Pilotin verdient ein Lob. Wir schleifen unsere ausgehungerten Gestalten zum Abflug-Flugsteig und fallen anschließend über einen Imbiss her. Die Preise übersteigen fast die Flugkosten.

23:15 Uhr: Unruhe im Wartebereich – das Bording scheint zu beginnen. Also anstellen. Plötzlich setzen sich alle wieder. Am Monitor blinken ausländische Wörter. Das Wörterbuch belehrt uns, dass sich wohl irgendwas verspätet. Durch die Panoramascheiben ist unser IBERIA-Flieger zu sehen. Er ist eine Sie und heißt „Emilia“. Hinter Emilias Triebwerken steht ein Servicemobil und bastelt. Auf der anderen Seite halten zwei Feuerwehrlöschzüge mit Blaulicht. Innerlich fasse ich zusammen: IBERIA + Verspätung + Triebwerksbastelei + Feuerwehr? Zumindest werden wir satt sterben.

 

Dienstag, 6. Juli 2004

0:30 Uhr: Bording. Es geht also endlich los. Die spenglische Ansage des Captains wird jäh von einem totalen Stromausfall unterbrochen. Zum Glück sind wir noch unten. Warten. Langsam wird es warm in der engen Kabine – so ohne Klimaanlage. Nur wenige Minuten danach wird es wieder hell und der Captain entschuldigt sich: „Es gab ein Versagen der Elektrizität.“ Ach was. „Wir halten Sie informiert.“ Na toll! - Nur wenig später: „Wir brauchten Hilfe von außen zum Neustart.“ Ach so. Wie funktioniert eigentlich ein Neustart des Systems in der Luft? Wir rollen Richtung Startbahn, die Monitore zeigen fröhliche Kinder beim Anlegen der Schwimmwesten als plötzlich wieder alles dunkel wird und wir mitten auf dem Flughafen von Madrid gegen 1:00 Uhr nachts langsam ausrollen. Stille, absolute Stille. Sogar die Kleinkinder scheinen die Situation zu begreifen. Offenbar funktioniert die Kiste (inkl. Treibwerke) ohne Strom nicht. Bettis Startkrämpfe setzen vorzeitig ein. In mir macht sich eine unerklärliche Ruhe breit. Von irgendwoher kommen Rundumleuchten gerast. Als Licht und Klimaanlage wieder funktionieren sehe ich in allen Gesichtern zwei Fragen: „Wie funktioniert eigentlich ein Neustart des Systems in der Luft?“ und „Warum fliegen wir eigentlich wieder mit IBERIA obwohl wir es NIEWIEDER tun wollten?“ Der Captain ist guter Dinge und verkündet, dass nun alle Generatoren funktionieren. Die Kinder auf den Monitoren ziehen ihre Schwimmwesten fertig an und wir starten in der Hoffnung, dass wenigstens ein Generator bis Santiago hält.

2:00 Uhr: Jetzt weiß ich, warum Übergepäck bei IBERIA so streng gehandhabt wird: Unsere Flugbegleiterin ersetzt mindestens fünf Koffer und kommt nur mit Mühe durch die Gänge. So etwas habe ich noch nicht gesehen. Nicht mal die Flugbegleiter sind schwul – wie langweilig. Freundlichkeit erwarten wir bei IBERIA natürlich erst gar nicht. Ich habe nichts gegen etablierte Fluglinien, im Gegenteil. Aber warum muss IBERIA mit den Gründungsmitgliedern aufsteigen und dazu noch den Prototyp des Airbus verwenden? Das Ding quietscht wie die Tür vom Sandmann-Fuchsbau. Ich komme mir vor, wie in einer Mischung aus fliegenden Museum und Gruselkabinett. Das „Essen“ macht wenigstens satt, „schmeckt“ aber nach IBERIA. Die Generatoren sind vergessen, wir schlafen ein.

6:00 Uhr: Magenkrämpfe reisen mich aus dem Schlaf. Mit letzter Kraft erreiche ich die Servisios. Das fängt ja toll an! Ich schleich mich zu meinem Sitz zurück und schlafe sofort wieder erschöpft ein.

9:00 Uhr: Magenkrämpfe. Jetzt kenn ich zumindest den Weg… So vergeht die Zeit wie im Fluge. Irgendwo haben wir gerade den Äquator überquert.

12:00 Uhr: IBERIA-Frühstück. Ohne weitere Worte…

13:00 Uhr: Die Sonne geht auf. Unter uns liegen die schneebedeckten Anden und vor uns Santiago. Betti quält die DigiCam. Wir beginnen den Landeanflug und ich verdränge jeden Gedanken an den Flugzeuggenerator und IBERIA. Direkt neben uns (selbe Höhe, aber natürlich! auf der anderen Seite) drohnt der Aconcagua. Wir schweben bei Superwetter über einem eher unschönen Gebiet (eine Mischung aus Müllkippe und armen Vorort) ein und landen gegen 14:00 Uhr sanft in Santiago. Hier ist es 8:00 Uhr. Wir sind in Chile!

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8:30 Uhr: Lange Schlangen an der Einreisebehörde. Problemlos können wir passieren. Unsere Koffer sind recht schnell gefunden. Leider mag der chilenische Zoll deutschen Honig und so bin ich mein Gastgeschenk los. Egal, es gibt schlimmeres. Daniel (29), mein chilenischer Amigo, Abholer und Kontaktmann nimmt unsere einstündige Verspätung gelassen. Sein Opel fasst unser Gepäck mit Müh und Not.

9:00 Uhr Was jetzt kommt überrascht selbst mich als rasanten Fahrer: Wir brettern wie Michael Schuhmacher Richtung Innenstadt und wechseln zum Takt der Blinkerschläge die Fahrspuren. Sehnlichst wünsche ich mir einen IBERIA-Generator. Stattdessen machen sich die ungewuchteten Opelräder ab ca. 60 km/h mit deutlichem Schütteln und ab 100 km/h mit kurzen Flugeinlagen bemerkbar, ab 120 km/h wird es wieder ruhiger. Die frische Luft (ca. 5 Grad) trocknet den Angstschweiß. Um uns herum wirbeln hupend Busse, LKWs und andere Rennwagen. Daniel erklärt mir, dass wir leider im Stau stehen. Aha.

Den Tag verbringen wir in Santiago.

16:00 Uhr: Im Tiefflug geht's nach Viña del Mar an den Pazifik. Meine Frage nach einer Geschwindigkeitsbeschränkung unter Hinweis auf die 50-km/h-Schilder beantwortet Daniel mit einem Schulterzucken: „Das ist eine Schnellstraße.“ So so. Kurz vor der Stadt wird es arg diesig, das Meer lässt grüßen. Im Dunkeln kommen wir im Stadtteil Miraflores an. Noble Gegend, wir halten vor einem schlichteren Haus, es ist mittlerweile ca. 18.00 Uhr. Drinnen steht das Begrüßungskomitee aus Neffen, Enkeln und ähnlichem bereit, Sybil (Daniels Tante, 67) ist nicht da. Natürlich sind alle sehr freundlich und nett, Latinos eben. Wir bekommen unser Zimmerchen, ca. 10 qm und ein Wandschrank. Das ganze Haus ist arg kalt. Wir beginnen auszupacken. Sybil kommt, freundliche Begrüßung, alles läuft gut an. Essen gibt's in einem etwas größeren Zimmer gegenüber auf Klapptischen.

20:00 Uhr: Betti mag noch einen kleinen Abendspaziergang machen, aber die Müdigkeit siegt. Wir versuchen zu duschen, aber ich kann mich nicht mit dem eiskalten Wasser anfreunden – der Durchlauferhitzer ist schon abgestellt. Ein unglaublicher Tag geht zu Ende. Wir begründen eine Tradition: ein Gläschen Rotwein für die Nacht. Wie erschlagen schlafen wir ein.

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